Zeitschriften-Beitrag Chancen in der Krise nutzen - Solidarität neu begründen

Die Folgen der Covid 19-Pandemie treffen uns alle – manche jedoch deutlich härter als andere. Arme, Bedürftige und Menschen in Notlagen leiden besonders. Ohnehin gefährdete Gruppen, Kranke, Alte, Menschen mit Behinderungen, Wohnungslose, Geflüchtete oder Kinder und auch viele Frauen sind jetzt noch stärker bedroht. Mit Corona rücken soziale Missstände in den Fokus, die häufig beklagt, aber zu selten auf der politischen Agenda stehen: Schlechte Bezahlung und geringe Anerkennung der Pflegeberufe, prekäre Beschäftigung bei Amazon und Co, extreme Ausbeutung in der Fleischindustrie, mangelnde Unterstützung für Kinder aus Armutshaushalten. Jetzt droht auch noch eine weltweite Rezession. Millionen Menschen sind bereits in Kurzarbeit. Ganze Branchen fürchten um die Zukunft.

Corona hat uns aber auch zusammenrücken lassen. Da ist der Nachbar, der für die ältere Dame den Einkauf erledigt, die junge Frau, die erkrankte Freund*innen mit Mahlzeiten versorgt oder es werden Masken gleich für das ganze Haus genäht. Der Lockdown brachte für viele Entschleunigung, die Chance auf Besinnung, mehr Zeit für die Familie, Solidarität und die wachsende Gewissheit: Wir sitzen in einem Boot. Nur gemeinsames Handeln kann die Pandemie erfolgreich eindämmen. Alte Erkenntnisse verbreiten sich neu: Gesundheit ist keine Ware, die Ökonomisierung des Gesundheitswesens ein Irrweg. Pflegende müssen besser bezahlt werden und Krankenhäuser nicht allein über Fallzahlen finanziert werden. Der soziale Sektor ist „systemrelevant“, aber leider unterfinanziert. Mit Home-Schooling hat die Bildungsungerechtigkeit noch mal zugenommen. Hier ist an vielen Stellen gegenzusteuern.

Solidarität muss daher jetzt neu begründet werden. Denn ob unsere Gesellschaft durch die Krise solidarischer oder eigennütziger wird, liegt an uns. Sorgen wir dafür, dass Entscheidungen nicht nur epidemiologisch und ökonomisch erfolgversprechend, sondern auch sozial gerecht und fair sind. Die Lasten der Krise müssen entsprechend verteilt werden. Ausgerechnet die ärmsten Familien haben bislang keine Unterstützung erhalten, obwohl Lebensmittel teurer wurden und Tafeln zeitweise schließen mussten, während kostenlose Schulmahlzeiten ausfielen. Beschämend für ein reiches Land. Wir müssen auch wieder über Arbeitszeitverkürzung reden, wenn Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit massiv zunehmen.

Konjunkturpakete müssen dringend nachhaltig gestaltet werden. Eine klimazerstörende Wirtschaft, die weit über ihre Verhältnisse lebt und zu viel Ressourcen verbraucht, hat keine Zukunft. Gegen die Klimakrise gibt es keinen Impfstoff und keine Medizin. Da hilft nur gute Klimapolitik. Neue Investitionen müssen daher konsequent klimafreundlich sein. Wir brauchen neue Mobilitätsangebote ohne fossile Verbrenner, den offensiven Ausbau von Sonne- und Windenergie, die Förderung der grünen Wasserstoff-Technologie und die CO2-Sanierung des Gebäudebestandes und klimaneutralen Neubau. Die Ausbeutung von Mensch und Natur muss ein Ende haben. Dafür sind klare Regeln für die Wirtschaft und wirksame Anreize wichtig. Für ein „Weiter so!“ haben wir nicht die Zeit. Solidarität muss auch für den Umgang mit Ressourcen gelten. Corona gibt uns die Gelegenheit, bislang verpasste Chancen anzupacken.

Zurück zum Pressearchiv